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Bindungsschmiede-CR Charlene Rauhut - Berlin-Pankow und Orannienburg

Eltern werden mit den Kindern geboren

  • 2. Juni
  • 4 Min. Lesezeit

Die Begleitung von Kindern hat sich sehr gewandelt. Die Menge an Informationen und der Zugang dazu ist unerschöpflich. Bedürfnisorientierung, Gleichwürdigkeit — und am Ende steht oft Unsicherheit und Orientierungslosigkeit. Familien in der heutigen Zeit haben die Chance, sich mehr denn je damit zu befassen, wie sie ihre Kinder ins Leben begleiten wollen. Alte Traditionen werden hinterfragt. Was „man" macht, ist nicht mehr der Leitfaden. Und gleichzeitig kann fast alles irgendwie falsch sein. Zu lange gestillt oder doch zu kurz? Familienbett oder doch lieber zeitnah ins eigene Bett im eigenen Zimmer? Helfen beim Anziehen oder doch mehr Hilfe zur Selbständigkeit? Brei selbst kochen oder am besten doch Baby-led Weaning? Frühe Kindertagesbetreuung oder lieber kitafrei? So kann es noch endlos weitergehen.


Zu einigen Aspekten gibt es klare Studien und Empfehlungen. Babys sollten beispielsweise innerhalb des ersten Lebensjahres im Elternschlafzimmer übernachten — zur Verminderung des Risikos des plötzlichen Kindstodes. Aber es gibt auch so viele Bereiche, in denen eine Empfehlung gut begründet ist und am Ende trotzdem eine andere Lösung die bessere sein kann.


Die Bedürfnisse der Kinder werden sehr ernst genommen — und dieser Fortschritt ist so gut. Gleichzeitig entsteht in vielen Familien ein großes Ungleichgewicht. In dem Wunsch, es anders zu machen, die eigenen Prägungen nicht an die Kinder weiterzugeben, geraten viele Eltern an den Rand ihrer Kraft.


Zwei Eltern mit zwei Familiengeschichten. Verschiedene Glaubenssätze. Ein Außen, das oft mit gut gemeinten Ratschlägen bereitsteht. Social Media und viele Wege. Eigene Trigger. Und ein überreiztes Nervensystem, das nach Regulierung sucht — im Erwachsenen. Während das des Kindes ebenfalls täglich Co-Regulation braucht.


Und hier liegt oft schon ein großer Teil des Kerns.


Was die Bindungsforschung klar zeigt: Kinder lernen den Umgang mit ihren Gefühlen nicht alleine. Sie lernen ihn durch die wiederholte Erfahrung, von jemandem begleitet zu werden, der selbst — zumindest in diesem Moment — ruhiger ist als sie. Nicht perfekt reguliert. Nur ein kleines bisschen stabiler. Das ist alles, was es braucht. Der Erwachsene wird zur externen Regulationsquelle — und das entlastet, wenn man es wirklich verinnerlicht. Du musst nicht unerschütterlich sein. Du musst nur nicht genauso überflutet sein wie dein Kind gerade.


Und das setzt voraus, dass Eltern selbst irgendwo Halt finden können. Das ist keine Frage des Wollens. Es ist eine Frage des eigenen Zustands.


In dem Wunsch, diesem Anspruch gerecht zu werden, geraten die eigenen Bedürfnisse total in den Hintergrund. Eltern wollen ihren Kindern zeigen, dass alle Gefühle da sein dürfen. Gleichzeitig fehlt das Gespür dafür, was sie selbst fühlen. Vermeintlich „negative" Gefühle werden innerlich verurteilt. Weggedrückt. Angestaut. Selbst nicht gelernt. Was nie gespiegelt wurde, wurde nie gelernt. Und was nie gelernt wurde, lässt sich nicht einfach abrufen — schon gar nicht unter Druck.


In dem Versuch, es den Kindern anders zu zeigen, wird die eigene innere Gefühlswelt regelmäßig durchgewirbelt. Und am Ende steht Scham. Doch nicht geschafft. Doch laut geworden. Doch zu wenig Geduld. Der innere Richter ist hart.


Und hier lohnt es sich, einmal innezuhalten. Denn auch Jesper Juul hat sehr deutlich zwischen zwei Dingen unterschieden, die sich ähnlich anfühlen, aber grundlegend verschieden sind: Schuld und Verantwortung. Schuld dreht sich um die eigene Person — ich bin nicht gut genug, ich schaffe das nicht, ich bin falsch. Sie lähmt. Sie zieht nach innen. Verantwortung hingegen richtet sich nach vorne — ich war zu laut, das war nicht in Ordnung, ich wende mich wieder zu. Sie bewegt. Dieser Unterschied ist klein im Satz. Aber er ist groß in dem, was er im Kind hinterlässt — und in dir.


Wie also weiter?


Der Weg führt an sich selbst nicht vorbei. Erwachsene haben, genau wie Kinder auch, Grundbedürfnisse. Je kleiner die Kinder sind, desto eher haben diese natürlich Priorität. Und dennoch müssen auch die eigenen Bedürfnisse ernst genommen werden. Eltern, die tagtäglich am Limit sind, keine Ruhepausen haben, wenig schlafen — um noch schnell dies oder das zu erledigen oder im Zweifel wenigstens einen Moment Stille für sich zu haben. So kann kein Nervensystem ausgeglichen sein. Kein Mensch kann Ruhepol für einen anderen sein, wenn er selbst keinen Halt findet. Ist dann das Urteil über sich selbst noch hart, wird die Grundspannung noch höher.


All das ist nichts Unbekanntes — und doch so schwer umzusetzen.


Neben vielen vielleicht noch nicht entdeckten Möglichkeiten ist im ersten Schritt auch ein milderer Umgang mit sich selbst schon ein Schlüssel hin zur Veränderung. Wenn ein Kind vor Müdigkeit oder Hunger in der Stimmung kippt, können wir es als Erwachsene in den meisten Fällen liebevoll einordnen: Es ist nicht böse. Es ist überwältigt. Es braucht Hilfe. Diese Haltung dürfen Eltern auch sich selbst gegenüber annehmen. Nicht als Ausrede — sondern als Grundlage.


Ja, natürlich sind wir die Erwachsenen. Eltern tragen die Verantwortung. Eltern sind der sichere Hafen und Vorbilder. Aber auch Eltern sind Menschen. Auch Eltern haben Bedürfnisse. Auch Eltern lernen.


Und hier steckt noch etwas sehr Ermutigendes. Was Kinder von uns weitertragen, sind nicht die Erfahrungen, die wir gemacht haben. Sondern wie wir mit ihnen umgehen. Ob wir anfangen hinzuschauen. Ob wir bereit sind, die eigene Geschichte zu reflektieren — nicht um sie zu lösen, sondern um sie nicht unbewusst weiterzugeben. Das ist kein kleiner Gedanke. Denn er bedeutet: Nicht was dir passiert ist, entscheidet. Sondern was du heute damit machst. Dieser Weg muss kein perfekter sein. Er muss nur begonnen werden.

Also: Einmal mehr Verständnis für sich selbst. Einmal mehr anerkennen, wie viel Kraft jeden Tag aufgebracht wird. Einmal mehr sehen, dass auch Eltern mit den Kindern erst geboren werden und täglich Lernende sind. Beziehungen können Fehler verkraften — und Kinder lernen durch erlebte Reparatur sogar etwas Wichtiges: dass Verbindung nach einem Bruch wieder möglich ist. Das ist einer der tiefsten Bausteine für Resilienz.

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